„Ich bekomme die Krise” – ein Satz, der in unserer Umgangssprache immer wieder zu hören ist. Dadurch wird der Begriff “Krise” einerseits zu inflationär genutzt und andererseits verharmlost. Wer sich wirklich in einer Krise befindet, fühlt sich in einer ausweglosen Situation gefangen. Was sind Krisen also tatsächlich, was lässt einen Menschen den Halt verlieren und was tun, wenn das Licht am Ende des Tunnels einfach nicht ersichtlich ist? 

Im Laufe unseres Lebens begegnen die meisten von uns irgendwann einer Krise. Es sind Situationen, in denen ein wesentlicher Teil unseres Lebens plötzlich – oder auch vorhersehbar – eine Veränderung durchlebt. Diese Veränderung wirkt sich dabei so gravierend auf die aktuellen Lebensumstände aus, dass sich die betroffene Person ausgeliefert, hilflos oder ohnmächtig fühlt. Krisen können beispielsweise durch eine Trennung, Krankheit, den Verlust des Jobs, Schwangerschaft oder einen Umzug ausgelöst werden – müssen sie aber natürlich nicht. 

Welche Formen von Krisen gibt es? 

Krisen können die unterschiedlichsten Auslöser haben. In sogenannten Lebensveränderungskrisen zum Beispiel findet sich die betroffene Person in einem Lebensabschnitt, der sie vor neue Herausforderungen stellt. Wenn der Anpassungsprozess dann nicht gelingt, kann eine Krise drohen. Lebensveränderungskrisen beginnen schleichend und die Leittragenden, oder auch deren Umfeld, verstehen oft im ersten Moment gar nicht, was gerade nicht passt. Sie treten zum Beispiel in der Pubertät auf, in der (neugewonnenen) Pension oder rund um den 50. Geburtstag – die sogenannte Midlife-Crisis. Anders verhält es sich bei Traumatischen Krisen. In solchen werden Betroffene von Schicksalsschlägen überrascht. Auf eine Neuigkeit folgt quasi schlagartig eine Schockphase, in der sich die Person maßlos überfordert fühlt. In beiden Fällen ist Unterstützung von außen – durch vertraute Personen oder auch in Form von professioneller Hilfe – ratsam, besonders zu Beginn. 

Auf welchen Säulen beruht unsere Stabilität? 

Betrachten wir die Krise von der wissenschaftlichen Seite, so wird sie beschrieben als “Verlust des Gleichgewichts, den ein Mensch verspürt, wenn er mit Ereignissen … konfrontiert wird, die er im Augenblick nicht bewältigen kann, weil sie … seine durch frühere Erfahrungen erworbenen Fähigkeiten … zur Bewältigung seiner Lebenssituation überfordern” (Caplan & Cullberg). In Krisenzeiten fühlt es sich also an, als würden wir das Gleichgewicht verlieren. Wir werden aus der Bahn geworfen, von etwas erschüttert oder uns wird der Boden unter den Füßen weggerissen – die Metaphern, die dafür existieren, sind vielfältig. Und doch beschreiben alle das gleiche: das Einbrechen von Stabilität. 

Der deutsche Psychologe H. G. Petzold entwickelte da Konzept der “5 Säulen der Identität”, um in der ganzheitlichen Psychotherapie effektive Arbeit mit Personen in Krisen zu ermöglichen. Unsere Identität, die uns als Menschen ausmacht, wird von den folgenden fünf Säulen getragen und gestützt: 

 

Beruf, Leistung und Freizeit 

Unsere Handlungen – sei es im Berufs- oder Privatleben – geben uns die Möglichkeit, uns selbst zu verwirklichen. Freude an der Arbeit oder das bewusste Ausleben der eigenen Interessen in einem Hobby bringen Zufriedenheit und Stabilität. Wer dann auch noch von anderen mit seiner Tätigkeit oder Leistung in Verbindung gebracht wird, findet darin zusätzliche Bestärkung. 

Körper/Leiblichkeit 

Besonders Menschen, die psychosomatisch veranlagt sind, werden dieser Säule große Bedeutung beimessen. Geht es der Seele nicht gut, geht es häufig auch dem Körper schlecht. So auch umgekehrt. Krankheit, Verletzungen oder physisches Unbehagen können uns erheblich aus dem Gleichgewicht bringen. Schließlich ist unser Körper wie ein Gefäß, ein Haus für unsere Gefühle und Gedanken. 

Soziale Netzwerke 

Nicht umsonst gelten zwischenmenschliche Beziehungen als das A und O für ein glückliches Leben. Ein Sprichwort besagt, wir sind die Summe der Menschen, mit denen wir uns am meisten umgeben. Dementsprechend wird unsere Person natürlich von unseren Freunden, unserer Familie und sonstigen Kontakten, die wir pflegen, maßgeblich geprägt. 

Materielle Sicherheit 

In unserer konsumorientierten, westlichen Gesellschaft identifizieren sich viele Menschen auch stark über ihre Besitztümer. Abgesehen davon, bieten sie uns natürlich auch wichtige Sicherheit – ein Dach über dem Kopf, Nahrung, Erholung. Ohne materielle Sicherheit wackelt außerdem die Säule der Leiblichkeit schnell – Güter bieten eine wesentliche Stütze für die Gesundheit. 

Werte und Normen 

Durch unsere Gesellschaft, unser Aufwachsen und unsere Erfahrungen geprägt, entwickelt jeder für sich persönlich Werte und Normen, denen er hohe Wichtigkeit beimisst. Wer eine starke Wertewelt hat, kann von ihr getragen werden – auch wenn in anderen Lebensbereichen Säulen wackeln.  

Um in einer Krise von außen intervenieren zu können, müssen laut Petzold alle Säulen in Betracht gezogen werden. Dann kann herausgefunden werden, welche Säule bröckelt oder gar eingestürzt ist und inwiefern das andere Lebensbereiche in Mitleidenschaft gezogen hat. Bevor das ganze Gebilde unserer Stabilität zusammenfällt, kann also daran gearbeitet werden, einzelne Säulen wiederaufzubauen, indem auf die bestehenden Ressourcen in den anderen Bereichen zurückgegriffen wird. 

“Schaffe Raum für die Besucher:
Das Leid, die Zweifel, Angst, Wut
Eine uralte Leere –
Sie wollen nur gefühlt werden
Sie wollen nur hindurch ziehen”

übersetzt aus “Trust the darkness now” von Jeff Foster

Wie werden Krisen überwunden? 

Krisen sind keine Dauerzustände, sondern wie Gewitter in der Landschaft unseres Lebens. Sie ziehen auf, sie hinterlassen ihre Spuren, doch sie ziehen auch weiter und wir können bewusst daran arbeiten, eventuelle Schäden zu reparieren. Wer also die Schockphase einer Krise – mit oder ohne Hilfe von Coaches, LebensberaterInnen oder TherapeutInnen – hinter sich gelassen hat, kann versuchen, gestärkt aus der Krise herauszugehen.  

  • Akzeptanz der Situation. Wer der “Wahrheit” ins Auge sieht und die Situation als solche akzeptiert, kann schneller wieder das Ruder in die Hand nehmen. Es gilt, Verantwortung für das eigenen Wohlbefinden zu übernehmen und dieses nicht von Anderen oder äußeren Umständen bestimmen zu lassen. 
  • Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. Wer in stabilen Zeiten ein gesundes Selbstwertgefühl entwickelt und an seine eigenen Stärken glaubt, kann leichter mit Misserfolgen umgehen. Das Berufen darauf, dass wir auch in der Vergangenheit schon schwierige Phasen gemeistert haben und dass wir durchaus fähig sind, Lösungswege zu erarbeiten, hilft beim Bewältigen von Herausforderung. 
  • Positives Mindset. Wer generell eine positive Einstellung zum Leben pflegt, wird Schicksalsschläge aus einer anderen Perspektive betrachten können. Wo Schatten sind, ist immer auch irgendwo Licht. Es geht natürlich nicht darum, schwierige Situationen schön zu reden. Doch auch schlechte Erfahrungen können Nährboden für neue Fähigkeiten sein. 

Wer sich nach ersten neuen Erfahrungen und mit etwas zeitlichem Abstand zum Auslöser der Krise bereit fühlt, Erkenntnisse daraus zu ziehen und zu reflektieren, kann sich unter anderem fragen: 

Was habe ich aus dieser Krise lernen können?
Worin fühle ich mich jetzt stärker?
Wofür war diese Krise ein Anstoß?
Was habe ich Neues über mich erfahren?
 

Die neugewonnenen Stärken und Erkenntnisse können dann im besten Fall in den Lebensalltag integriert werden. Es zeigt sich also, jede dunkle Phase, bringt einen Prozess mit sich und die Möglichkeit, uns selbst wieder besser kennenzulernen und stärker aus dem Erlebten hervorzukommen. 

Krisenbewältigung ist ungewohntes – und gleichzeitig interessantes – Terrain für dich und du kannst dir vorstellen, in diesem Bereich zu arbeiten, sowie anderen dabei zu helfen, ihre Krisen zu überwinden? Dann ist unsere Ausbildung zum/r Dip. Leben- und SozialberaterIn vielleicht genau das Richtige für dich!