Provokation hat keinen guten Ruf in unserer Gesellschaft. Häufig wird sie mit Aggression, Ärger oder Zynismus gleichgesetzt. Begriffen also, die man nicht unbedingt mit Coachingansätzen in Verbindung bringt – und schon gar nicht von seinem Coach erwartet.

Dennoch kann Provokation im Coaching gut eingesetzt werden – sogar höchst erfolgreich. Provokatives Coaching nennt sich diese Methode – und die oben genannten
Eigenschaften treffen darauf natürlich nicht zu. Ganz im Gegenteil: Damit provokatives Coaching funktioniert, bilden Empathie und ein tiefes Vertrauen in die Fähigkeiten des Klienten die absolut notwendigen Grundwerte der Coach-Klient-Beziehung. Sollte kein tragfähiger Rapport auf obiger Basis bestehen, würde jede Provokation nach hinten losgehen oder als Überheblichkeit bzw. Inkompetenz des Coaches interpretiert werden. Ganz zu schweigen von den negativen Auswirkungen auf die Problemlösungsfindung.

Wie Provokation im Coaching funktioniert

Menschen, die bereit sind, Zeit und Geld in eine professionelle Beratung zu investieren, haben es oft nicht geschafft, mit bestehenden Strategien ihre Probleme zu bewältigen – oder möchten bei der Problembewältigung einfach Unterstützung haben, kompetente Begleitung und das Gefühl, nicht allein zu sein. Hinter den meisten persönlichen Problemen stecken fixe Ideen (die nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmen) bzw. einschränkende oder hinderliche Glaubenssätze und diese beziehen sich auf:

  • die eigene Identität  („Ich muss mich so und so verhalten, sonst bin ich keine gute Mutter / Chefin / Freundin / Kollegin…“)
  • Vorstellungen von anderen Menschen („Wenn ich das von meinem Partner verlange, wird er mich verlassen!“)
  • die Ausweglosigkeit von Situationen („Ich kann meinen Job nicht kündigen, weil ich sonst unter der Brücke lande.“)

Beim Coaching – und besonders beim provokativen Coaching – wird nun dem Klienten nicht direkt das gegeben, was er oft haben möchte: eine fertige wasserdichte Lösung, die ein Profi von außen auf ihn zurechtschneidert und die am besten kein oder wenig eigenes Engagement benötigt.

Der Coach wird daher meist keine direkten Ratschläge erteilen, es geht eher darum, die fixen Ideen zu hinterfragen, die Handlungs- und Wahlmöglichkeiten des Klienten zu erhöhen und die Glaubenssätze des Klienten „anzuknacken“.

Provokationen im Coaching haben genau dasselbe Ziel, sie setzen dazu meist noch direkter bei der Selbstverantwortung des Klienten an und beziehen dessen systemisches Umfeld mit ein. Dabei werden starke Emotionen, die meist mit fixen Ideen verbunden sind,  benutzt und zum Wohle des Klienten umgeleitet. Wenn es gelingt, die emotionale Energie auf den Veränderungswunsch statt auf den Glaubenssatz zu richten, ist ein erster wesentlicher Schritt bereits getan.

Praktisch sieht das so aus, dass zum Beispiel durch gezielte Übertreibung des Selbstbildes, des Bildes von anderen Menschen oder von Situationen der Klient beginnt, für sich selbst Partei zu ergreifen und sich somit direkter in seine Selbstermächtigung bewegt.
Angenommen ein Klient hätte ein Problem in der Arbeit mit seinem Chef. Dieser wird als dominant erlebt und der Klient fühlt sich machtlos. Ein provokativer Coach würde nun zum Beispiel das Stilmittel der Übertreibung einsetzen und den Chef als herrschsüchtigen Diktator darstellen und den Klient als armes, armes Opfer der Umstände, das ein Sklave eines allmächtigen Systems ist, aus dem es absolut keinen Ausweg gibt…

Dieses Modell des provokativen Coachings nennt sich auch Advocatus diaboli (also „des Teufels Anwalt“) und treibt die Rolle des armen Opfers so gezielt auf die Spitze, bis der Klient nicht nur darüber lachen kann, sondern beginnt, sich selbst zu verteidigen. Mit Aussagen wie „Naja, so schlimm ist es aber dann doch nicht!“ beginnt eine Reise zur Selbstermächtigung.

Humor – das Herzstück des provokativen Coachings

Übertreibungen können im richtigen Kontext schon humorvoll wirken – und ganz grundsätzlich ist es hilfreich, über die eigenen Glaubenssätze lachen zu können. Der Coach wird dabei nie über den Klienten oder seine Glaubenssätze lachen, sondern immer MIT ihm gemeinsam über diese.

Das Lachen über sich ist für viele Menschen schon eine Herausforderung an sich – und insbesondere dann, wenn es um die eigenen fixen Glaubenssätze und Ideen geht. Natürlich ist hier die oben beschriebene empathische und wohlwollende Grundhaltung des Coaches essentiell. Das Amüsieren über die Absurditäten des Lebens generell und die speziellen Lebenssituationen des Klienten braucht also viel Fingerspitzengefühl. Das Lachen entspannt den Klienten und ermöglicht ihm, einen neuen Blickwinkel einzunehmen.

Wenn der richtige Zeitpunkt gekommen ist, kann dann der Coach dem Klienten in seiner Opferrolle recht geben und ihm sagen, dass es wohl wirklich unmöglich, gefährlich oder viel zu anstrengend wäre, sich zu verändern und kann ihm dringend von so einer mühsamen Veränderung abraten. Dabei benennt der Coach dann alle Gegenargumente, die der Klient bereits gedacht hat oder denken könnte. Auch dabei wird hemmungslos übertrieben.

Wie oben bereits beschrieben, haben Übertreibungen dabei den Vorteil, dass sie den emotional gefütterten Widerstand des Klienten hervorrufen, und zwar in eine für ihn konstruktive Gegenrichtung. Provokation ist damit ein Werkzeug, das es ermöglicht, Widerstände elegant zu umgehen bzw. sogar zu benutzen, um eine Veränderung der Glaubenssätze in den erwähnten Lebensbereichen anzustoßen.

Provokation als Werkzeug im Coaching Methodenkoffer

Als Methode wird Provokatives Coaching nicht automatisch jedem Coach liegen, aber die Befürchtung, dass Klienten auf Provokationen sauer, verletzt, beleidigt oder aggressiv reagieren sind unbegründet, wenn der Coach fähig ist, einen tragenden Rapport herzustellen.
Coaches, denen es nicht gelingt, innerlich wertschätzend auf ein Problem eines Klienten zu reagieren, sollten aber die Finger vom Einsatz der Provokation lassen, da sie sonst bösartig wirken und der Klient wohl auch nicht wiederkommen würde.

Wie alle Ansätze im Coaching ist aber natürlich auch Provokation erlernbar und kann geübt und perfektioniert werden.