„Sei stark!“, „Streng dich an!“ oder „Sei nett!“. Wir alle kennen solche und weitere Kommandos, die besonders in stressigen Situationen in unserem Inneren auftauchen.  Meist sind diese Antreiber aber keine positiven Cheerleader, die uns Mut machen, sondern klingen eher demotivierend und erhöhen unser Stresslevel. Sie stammen von alten Persönlichkeitsanteilen, die sich schon im Laufe unserer Kindheit herausgebildet haben, und laufen unbewusst im Hintergrund ab, so dass sie schwer zu fassen sind.

Das Modell der „inneren Antreiber“ stammt ursprünglich aus der Transaktionsanalyse – einer psychologischen Beschreibung der Hintergründe und Dynamiken menschlichen Miteinanders. Dabei werden sieben antreibende Konzepte beschrieben, denen Menschen insbesondere in problematischen Situationen und unter Stress wie programmiert folgen.

Meistens haben Personen mehrere Antreiber in sich, aber einer dominiert. Je mehr Druck besteht und je weniger alternative Verhaltensweisen (siehe Artikel über Burnout) wir zur Hand haben, desto stärker tritt der dominante Part hervor.

Die 7 „inneren Antreiber“ im Detail

Um unsere inneren Antreiber zu erkennen (und sie dann vielleicht sogar zu nutzen bzw. in manchen Situationen bewusst auch anders zu entscheiden) können wir uns einfach mal beim Denken zuhören – vor allem in druckvollen oder stressigen Situationen kann das sehr aufschlussreich sein. Vielleicht kommen dir aber auch schon beim Lesen dieser Beschreibung der 7 primären Antreiber Ideen zu den eigenen dominierenden Anteilen.
Auf jeden Fall hilft eine Bewusstheit über die unterschiedlichen Rollen, diese in dir und deinen Mitmenschen einfacher zu erkennen und dir dadurch die nötige Distanz zu geben, die es braucht, um kreativ und konstruktiv mit ihnen umzugehen.

  • Der Perfektionist

Typischer Leitspruch: „100% sind gerade gut genug!“

Dieser detailverliebte Zeitgenosse sitzt uns beständig im Nacken und schaut darauf, dass alles wirklich „bis zu Ende“ gedacht wird und 100% korrekt erledigt wird.
Perfektionisten denken meist komplex und gründlich, wirken dadurch aber auch sehr anspruchsvoll auf ihre Umgebung. „Einfach mal drauf los arbeiten“ und spontane Entscheidungen sind nicht so ihr Ding, da sie befürchten, dadurch Fehler im System zu übersehen.

  • Der Starke

Typischer Leitspruch: „Sei hart gegen dich und andere!“

Dieser Antreiber will uns zu einem Helden machen, der nicht jammert, dem keine Herausforderung zu groß und keine Arbeitslast zu hoch ist.
Er meint, wenn man sich nur richtig anstrengt, dann kann man alles schaffen – gerne auch alleine! Wände sind nur dazu da, um mitten durch zu gehen und „Nein“ sagen ist eine Schwäche, die es auszumerzen gilt. Um Hilfe zu bitten fällt dem Starken schwer und Ausreden sind ihm ein Graus.

  • Der Nette

Typischer Leitspruch: „Bitte bloß keinen Streit!“

Dieser Antreiber kann ein „Nein“ auch nicht leiden, aber aus einem anderen Grund: Zu groß ist seine Angst, sich unbeliebt zu machen.
Konflikte, Ärger und Grenzüberschreitungen werden mit einem Lächeln überspielt und ertragen. Der Nette wird mit viel Diplomatie an die Sache herangehen und hat immer eine Tendenz, die Interessen anderer über die Eigenen zu stellen. Um möglichst keinen Streit anzuzetteln, wird dieser Persönlichkeitstyp versuchen, die Gedanken seines Gegenübers schon vorher zu lesen, um sich dann bei der Erfüllung der erdachten Wünsche und Gedanken im Hamsterrad tot zu laufen, in der Hoffnung, dadurch Konflikte zu vermeiden.

  • Der Mühevolle

Typischer Leitspruch: „Ohne Anstrengung kein Erfolg!“

Im Gegensatz zum Starken, der auf seine Unabhängigkeit pocht, geht es dem Mühevollen eher um eine Art „Märtyrer-Rolle“. „Ohne Fleiß kein Preis“ und „Erfolge fallen nicht vom Himmel“, denkt er und wird auf viel Arbeit und Engagement beharren, als die einzigen Wege, die zum Erfolg führen.
„Es wird einem nichts geschenkt!“, posaunt er nach Außen und wird seine Überstunden und sein Engagement an Wochenenden möglichst „öffentlichkeits-wirksam“ darlegen – allein schon deshalb, um sich von Menschen, denen scheinbar alles leicht fällt, abzugrenzen.

  • Der Hektiker

Typischer Leitspruch: „Das muss schneller gehen!“

Immer in Eile und schwer zu erreichen, keine Zeit für Small Talk oder gar Pausen, läuft dieser Antreiber durchs Leben. Effizienz und Dringlichkeit sind seine Schlüsselworte, für ihn führt nur die Autobahn zum Erfolg. Erst wenn er sich richtig beeilt und gerade rechtzeitig mit einer Tätigkeit fertig wird, ist der Hektiker zufrieden. Im Job wird er seinen Boss gar nicht erst um eine Deadline fragen, da er sich diese schon längst selbst gesteckt hat.

  • Der Weltenretter

Typischer Leitspruch: Sonst macht´s ja keiner!“

Kleine Aufgaben oder Probleme sind zu banal für den Weltenretter! Ihm geht es um große und folgenschwere Herausforderungen. Etwas einfach nur zu machen ist ihm fremd. „Die Dinge sind viel komplexer als man glaubt!“, sagt er sich und versucht, möglichst alle Informationen und Sichtweisen miteinzubeziehen. Was diesem Antreiber aber das Leben wirklich schwer macht, ist das drohende Unheil, das ihn immer im Alarmmodus sein lässt. Denn „es denkt ja sonst niemand daran“ und daher hat er das Gefühl, sich um alles kümmern zu müssen.

  • Der Helfer

Typischer Leitspruch: Hilf anderen, es soll ihnen gut gehen!“

Der Helfer hat seine primäre Aufmerksamkeit auf den Anderen, denen es möglichst gut gehen soll. Unbeliebter Aufgaben und zwischenmenschlicher Probleme wird er sich gerne annehmen. Die Frage, die in seinem Inneren brennt, ist „Wie kann ich es allen recht machen?“
Dadurch bleibt leider oft der „Schwarze Peter“ bei ihm hängen und er übernimmt sich mit einer Vielzahl an Aufgaben.

Genügt es, über die inneren Antreiber Bescheid zu wissen?

Es ist bereits ein entscheidender Schritt, seine eigenen Antreiber bzw. die seiner Mitmenschen zu kennen. Indem wir die Persönlichkeitsanteile bewusst machen, erhöht sich auch die Wahrscheinlichkeit, in Stresssituationen aus ihnen aussteigen zu können.

Aber in der persönlichen Teilearbeit steckt noch viel mehr Potential! Wir können aus den individuellen Schwächen der inneren Antreiber auch Stärken machen. Wenn wir diese kennen, können wir sie ganz praktisch in unserem Alltag einsetzen.

Von genau diesen positiven Aspekten handelt der nächste Artikel…